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anlässlich der Ikarus-Verleihung am 18.11.2006 im Atze-Theater:
Guten Abend- meine sehr verehrten Damen und Herren!
Als ich vor einigen Wochen einen Anruf von Thomas Sutter dem Leiter und Gründer des „ATZE-Musiktheater für Kinder" erhielt und er mich fragte, ob ich mir vorstellen könnte, eine Laudatio anlässlich der Verleihung des IKARUS-Preises für die ATZE-Produktion „Bach Das Leben eines Musikers" zu halten, da habe ich erstmal einen Moment lang gezögert...
Ich hatte ja die „Bach"-Produktion gesehen, war ganz begeistert und hatte das damals auch zum Ausdruck gebracht. aber vom IKARUS-Preis das musste ich leider zu meiner Schande gestehen hatte ich bis dato weder gehört noch gelesen.
Mir sind zwar all die glamourösen Verleihungen der Goldenen Kamera, des Goldenen Lenkrades, der Goldenen Henne, des Bambi und wie die „ganz wichtigen Preise" in unserem Lande alle so heißen, bekannt und ich weiß auch, was diese Verleihungen in den einschlägigen Medien jedes mal für einen Wirbel heraufbeschwören , doch „I K A R U S"?
Nein, von diesem Preis hatte ich wirklich keine Ahnung und ich bilde mir doch ein, ein eifriger und aufmerksamer Leser der Berliner Feuilletonseiten zu sein.....
„Wer vergibt denn diesen Preis überhaupt?“ war meine erste vorsichtige Frage an Thomas Sutter... Jetzt wurde ich von ihm erst einmal grundsätzlich über alles, was mit dem IKARUS zusammenhängt, aufgeklärt. Ich erfuhr, dass der IKARUS vom JugendKulturService der ist wiederum eine Einrichtung des Jugendsenats seit nunmehr 5 Jahren für „herausragende Berliner Theaterinszenierungen für Kinder und Jugendliche" verliehen wird. Und das mit seiner Verleihung das große Ziel verbunden ist, eine breitere Öffentlichkeit auf die verantwortungsvolle Arbeit der Kinder- und Jugendtheater Berlins hinzuweisen, die Presse dafür zu interessieren und die Kinder- und Jugendtheater an sich inhaltlich aufzuwerten...
Alles ganz wunderbare Ideen und Gedanken aber ich musste leider feststellen, dass dieser ganz spezielle Preis in der Öffentlichkeit nahezu unbekannt ist und daher bestenfalls ein Insiderpreis genannt werden kann.
„Dennoch", meinte Thomas Sutter, ist dieser Preis für die Jugendtheatermacher von aller größter Wichtigkeit. An ihm hängt zwar kein Geld (wie kann es in Berlin auch anders sein), aber er ist gut für die Seelen der Theatermacher und er macht Mut, trotz aller Widrigkeiten weiterzumachen und zu hoffen, dass eines Tages die Verantwortlichen in ihren Büros wach werden und die nicht zu unterschätzende Arbeit der Jugendtheatermacher endlich gebührend würdigen.
Meine Damen und Herren, hier zeigt sich leider einmal mehr, dass die schwächsten Mitglieder in unserer Gesellschaft keine Lobby haben. Und das ist um mit einem leicht abgewandelten Zitat unseres neuen obersten Kulturchefs zu sprechen: nicht gut so!
Politiker aller Couleur fordern in ihren Sonntags- oder Wahlkampfreden in schöner Regelmäßigkeit, dass man sich endlich um Kinder- und Jugendarbeit kümmern müsse. Nach der Wahl bleibt aber doch meist alles beim alten....!
Es ist eben viel wirkungsvoller, wenn man sich z.B. bei den Salzburger oder Bayreuther Festspielen, bei den großen Opern- und Theaterpremieren oder bei den von ARD und ZDF übertragen glamourösen Preisverleihungen zeigt. Schöne bunte Bilder in Presse und TV sind dann garantiert...!
Was dagegen bedeutet schon die Verleihung des IKARUS? Kein TV-Team ist heute vor Ort! Das stimmt mich sehr nachdenklich.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, Ich bin sehr stolz, dass ich als Mitglied eines, wie ich finde, höchstsubventionierten Opernhauses unserer Stadt heute hier zu ihnen sprechen darf.
Bitte verstehen sie deshalb meine Laudatio auch als eine kleine Liebeserklärung an das ganze ATZE-Team und seine eindrucksvolle Aufführung von „Bach Das Leben eines Musikers".
Die den Preis vergebende Jury hat ganz treffend in ihrer Begründung, warum Bach den IKARUS bekommt, gesagt und ich zitiere jetzt wörtlich:
„Es ist insgesamt das Ergebnis einer im Dienste des Theatralischen stehenden effektiven und funktionierenden Zusammenarbeit von Buch, Regie und Dramaturgie, getragen von einem sprühenden Enthusiasmus des Ensembles, das eigentlich Unmögliche doch möglich zu machen und es gelingen zu lassen...."!
Ja, mit der Produktion von „Bach" ist es ATZE gelungen, das Unmögliche möglich zu machen!!
Ich möchte jetzt nicht lange darüber reden, was sie gleich ohnehin alle genießen können. Nur soviel: Thomas Sutter und seinem Ensemble ist hier im Beckmannsaal ein kleines Berliner Theaterwunder gelungen!!
Und das unter schwierigsten Bedingungen...!!! Ein kleines Beispiel: Vom Schuh bis zur Perücke musste fast alles neu besorgt im wahrsten sinne des Wortes erbettelt werden. Die ATZE-Mitarbeiter haben es mit Glück und Ausdauer geschafft, diese notwendigen Ausstattungsstücke zu beschaffen.
Es wurden in Tages- und Nachtarbeit allein ca. 450 Kostümteile für diese Produktion hergestellt...! Welch eine große Leistung für dieses kleine Team.
Thomas Sutter und sein Ensemble haben es trotz hunderter Widrigkeiten geschafft, einen Theaterabend auf die Bühne zu zaubern, bei dem die Kritik getrost die Hände in den Schoß legen kann...! Das ATZE tritt mit dieser Produktion den Beweis an: man kann das Leben des großen J. S. Bach sehr wohl spannend auch für ein ganz junges Publikum auf die Bühne bringen. Es geht dabei auch ohne Blut-, Gewalt- und Sexorgien. Und die Mitwirkenden müssen nicht einmal wie in den Theatern in Berlin Mitte im Moment üblich nackt auf der Bühne agieren.... Nein, sie tragen wunderbare, selbst gefertigte und stilechte Kostüme....! Man könnte jetzt vielleicht sagen: „Mein Gott, wie altmodisch, das ist doch Schnee von gestern.“ Ich entgegne aber: „Nein! wie verantwortungsvoll, wie mutig und wie gut.“
Selten empfand ich einen Theaterabend als so spannend, informativ und auf hohem Niveau unterhaltend wie diesen „Bach"-Abend...
Mein Lehrer, Prof. Harry Kupfer, hat mich ständig dazu angehalten: „Junge sei intensiv die Leute schlafen sonst ein....." Seine größte Angst war nämlich immer, dass sich das Publikum im Theater langweilt. Bei diesem „Bach"-Abend würde er seine helle Freude haben.
Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass das kritischste aber auch ehrlichste Publikum die Kinder und Jugendlichen sind... Hier ist die Messlatte von den Theatermachern gar nicht hoch genug anzulegen... Und das ist dem ATZE-Ensemble in beeindruckender Weise gelungen!
Ich möchte ihnen jetzt einmal etwas ganz Persönliches sagen: wir die an den Staatstheatern engagierten Sänger, Tänzer und Schauspieler wir können vom ATZE nur lernen...!
Die Schwierigkeiten, mit denen sie hier tagtäglich zu kämpfen haben, die kennen wir nicht, und durch ihren unerschütterlichen Enthusiasmus fordern sie uns zu großer Hochachtung heraus...!
Bei ATZE ist eben alles anders.
Vor allem und in erster Linie die finanzielle Ausstattung des Theaters.
ATZE muss mit insgesamt 170.000,00 Euro jährlich auskommen das ist z. B. soviel wie im Durchschnitt eine Opernproduktion mit Starregisseur, Stardirigent und Starsängern kostet...! Nach allen notwendigen Abzügen bleiben dem ATZE-Theater für das Haus und seine Mitglieder tatsächlich nur ganze 90.000,00 Euro im Jahr...!
Den Berliner Staatstheaterintendanten und ihren Verwaltungsdirektoren sei ein mehrjähriges Praktikum bei ATZE dringend ans Herz gelegt...! Ich würde mir wünschen, wenn dieser IKARUS dazu beitragen könnte, dass man sich im Kultursenat endlich dazu durchringt, dass das „ATZE-Musiktheater für Kinder" endlich auf finanziell sichere Beine gestellt wird.
Hier werden die Weichen für die Zukunft gestellt und hier wird das Publikum von Morgen erzogen...
Meine Damen und Herren, es ist fünf Minuten vor Zwölf... Wenn nicht dringend von verantwortlicher Seite Hilfe zur Selbsthilfe kommt dann gibt es das ATZE bald nicht mehr.
Es ist wirklich nur dem Enthusiasmus aller ATZE-Mitglieder zu danken, dass es dieses Theater seit nunmehr fast 21 Jahren gibt. Dieses Theater hat und das nicht nur in Berlin mindestens zwei Generationen von jungen Theaterzuschauern ihre ersten und bleibenden Theatereindrücke vermittelt Und diese wichtige kulturpolitische Aufgabe muss nun endlich anerkannt und entsprechend gewürdigt werden.
Ein erster Schritt ist mit der Verleihung des IKARUS an ATZE heute geschehen.
Ich bin jetzt sehr gespannt, wie der neue Kultursenator in Zukunft zu seinen Kinder- und Jugendtheatern steht...! Lassen wir und überraschen!
Es wird in der Presse im Moment ja ständig von den hausgemachten Problemen der drei Berliner Opernhäuser geredet. Eine Stiftung musste her und die ist inzwischen so gut wie gescheitert. Millionen hat das alles gekostet! Es wäre sinnvoller und besser gewesen, wenn wenigstens ein Teil dieses Geldes in die Berliner Kinder- und Jugendtheaterarbeit geflossen wäre.
Dann hätte man den Kulturauftrag des Staates erfüllt und nebenbei noch für die Zukunft investiert.
Ich wünsche ATZE eine gute und sichere Zukunft gratuliere noch einmal zu diesem hochverdienten Preis und wünsche uns allen einen schönen Theaterabend...! Lassen sie uns gemeinsam dafür kämpfen, dass die Lichter für ATZE nicht ausgehen.
Ich danke ihnen für ihre Aufmerksamkeit!
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