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Guylaine „Gigi“ Hemmer
verlebt einen überraschenden Geburtstag, vermisst die tägliche Portion Kinderlachen und fragt sich, ob Otter stinken

Zu Beginn des Shut-Downs war ich erst einmal sehr verunsichert und ängstlich. Ich war „live“ dabei, als dem Atze die Zuschauer fernblieben. Wir wollten „Darüber spricht man nicht“ spielen und hatten die Bühne schon eingerichtet, als noch am gleichen Morgen die Schulen nach und nach alle absagten. Zwei Tage vorher hatte ich schon gedacht, dass Atze wohl bald den Spielbetrieb einstellen würde und war von 1-2 Wochen ausgegangen. Dass es dann doch so schnell ging, hat mich überrascht und mir das Gefühl gegeben, in einem schlechten Endzeit-Film zu sein. Eine kurze Besinnung brachte mich dann aber zu dem Gedanken, dass meine finanzielle Sorge nichts ist im Vergleich zu der Sorge anderer Menschen, wenn sie einen geliebten Menschen im Krankenhaus wissen oder gar dessen Verlust verkraften müssen. Und es ist schön zu sehen, dass die meisten Menschen das genauso wahrnehmen und deshalb gerne zuhause bleiben.  Mittlerweile hat sich in meinem Kopf also die Hoffnung wieder breitgemacht.

Aktuell freue ich mich über das schöne Wetter, was die Situation doch erträglich macht. So kann ich mit meiner Lebenspartnerin und unserem Hund jeden Tag einen ausgiebigen Spaziergang am See machen. Die Sonne lässt die bleichen Wintergesichter langsam frischer aussehen. Ich freue mich über Nachbarn, denen es wichtig ist, mir an meinem Geburtstag, trotz Kontakteinschränkungen, eine Freude zu machen. So haben die Nachbarn von gegenüber ihre Fensterscheibe mit einem riesigen „Happy Birthday Gigi“ geschmückt. Und ein kurzes „Hallo“ an einer Straßenkreuzung war auch drin. An jeder Bordsteinecke standen jeweils zwei Personen (aus einem Haushalt!!), die mir ein Geburtstagsständchen sangen.

Ich freue mich auch über die Zeit mit mir selbst. Ich kann sehr gut Zeit mit mir verbringen, Lieder schreiben, kleine Videos drehen, basteln, bauen. Damit mache ich mir selbst viel Freude. Ich entdecke auch neue Seiten an mir. Beispielsweise hänge ich morgens mal lange rum, ohne mich zu waschen und ich erkenne: Ich kann stinken wie ein Otter. Vielleicht wird das dem Otter auch nicht gerecht; vielleicht stinkt er gar nicht so sehr. Naja… Darüber habe ich ja jetzt Zeit nachzudenken.

Und ich freue mich über das wachsende Gefühl von Zusammenhalt. Einerseits in familiärer Sicht: ich bin mit meiner Familie in NRW täglich in Kontakt, was sonst nicht der Fall ist. Andererseits gesellschaftlich: ich freue mich über die vielen kleinen und zarten Momente, in denen mir fremde Menschen zulächeln oder mich grüßen -was ja eigentlich nicht zu den Berliner Gepflogenheiten zählt.

Bei aller Freude in dieser neuen Situation vermisse ich natürlich auch einen Teil meines „gewöhnlichen Lebens“. Skypetelefonate mit Freunden sind schön, und ich bin froh, dass wir diese Möglichkeit haben, aber das „Sich-Gegenüber-Sitzen“ ist damit nicht zu ersetzen.  Und ja, auch das Atze fehlt mir. Einerseits die täglichen Blödeleien mit den Kollegen, andererseits auch das Spielen und die schöne Energie, die von den Kindern auf die Bühne schwappt. Die tägliche Dosis „Kinderlache“ (vor allem die dreckigen mag ich sehr!) findet in dieser Situation kein Pendant. Für die jungen Leser: ein Pendant ist etwas, das ähnlich ist; etwas, das entspricht und es vielleicht ersetzen könnte.

Deshalb hoffe ich, dass diese Zeit nicht allzu lange dauert und wir uns bald alle wiedersehen, wieder umarmen können. Ich hoffe, dass diese Zeit, wenn sie denn mal vorbei ist, in den Köpfen der einzelnen Familien nicht als Zeit von Stress, Streit und Überforderung bleibt. Vielmehr wünsche ich den Familien, dass der zukünftige Rückblick eine gute Erinnerung sein wird, wo endlich alle mal Zeit füreinander gehabt haben, sich besser kennenlernen durften, Spaß aneinander hatten. Und wer weiß, vielleicht schaffen wir es, dem „Miteinander“ auch in der Zukunft mehr Raum zu geben und ein Gefühl von Zusammenhalt zu leben, das auch über die europäischen Grenzen und darüber hinaus geht.

Und bei allem: Zähneputzen und Waschen nicht vergessen (vor allem die Hände!). #otter

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Guylaine „Gigi“ Hemmer spielt bei uns u.a. die Hauptrolle in „Albirea“ und steht noch in sieben weiteren Theaterstücken im Mittelpunkt, z.B.: Spaghettihochzeit, Die besten Beerdigungen der Welt, Die Ministerpräsidentin, Darüber spricht man nicht oder Die Hühneroper.


>> Briefe von Zuhause #6


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