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Sinem Altan
lauscht dem Bosporus, liest Kaffeesatz und sinniert über die Fermate als aktuelle Metapher
Ja! Es ist ein Schock! Es ist wie eine Stagnation, also ein Stillstand ohne Ende. Wie irrwitzig und zugleich bedeutsam, dass ausgerechnet die musikalische Bezeichnung im Italienischen das Wort ‚Corona oder Coronata‘ eine Fermate bedeutet. Genau gesagt; ein Ruhepunkt, der im Verlauf eines Tonstückes entweder auf eine Note oder auf eine Pause fällt und die Bewegung des Taktes auf einige Zeit unterbricht, indem auf der betreffenden Note oder Pause etwas länger, als ihre eigentliche Geltung fordert, verweilt wird. Ziemlich verrückt, oder?

Die gesamte Menschheit erlebt einen Ruhepunkt, einen Stillstand, der völlig unerwartet in unser gewohntes Leben bricht und existentielle Fragen aufwirft. Je länger man darüber nachdenkt, umso länger wird auch diese Pause, diese Starre. Diese Unklarheit über den Zustand. Aber die wird trotzdem weitergehen.

Wenn es jedoch um den Alltag eines Künstlers, eines Theaterschaffenden geht, besonders um jemanden, der sich für die frischen und jungen Individuen unserer Gesellschaft einsetzt, ist es eine große Herausforderung, in der aktuellen Einschränkung einen klugen und sozialen Weg des Austauschs zu finden. Eigentlich schätze ich das Arbeiten Zuhause sehr, besonders als Komponistin am eigenen Schreibtisch. Vieles, was bis jetzt liegen bleiben musste, kann nun nachgearbeitet werden. Alte Kompositionen sortieren, pflegen. Neue Kompositionen entstehen lassen. Aber der lebendige Alltag des Theaters fehlt mir sehr. Das Miteinander auf der Bühne, hinter den Kulissen und auch im Bürobereich hat gerade im Atze einen hohen Stellenwert, weil es ein sehr familiäres Ambiente bietet.

Aber der Mensch ist ja ein komplexes Wesen. Wir alle besitzen eine besondere Gabe, nämlich die Vorstellungskraft. Egal, in was für Bedingungen wir uns begeben, wir können im Grunde genommen jeden Ort, in dem wir uns befinden, zu einem erweiterten Raum wachsen lassen. Die Vorstellungskraft braucht keine großen Flächen. Nicht umsonst haben Dichter oder Schriftsteller in Gefängnissen ihre besten Arbeiten geschaffen. Es reicht sogar, das Fenster im eigenen Raum aufzureißen und mit der frischen Luft den Tag zu beginnen, mit ein paar kleinen Bewegungen, um den Körper zu reanimieren. Dann den Tagesplan zu erstellen, um nach und nach einzusteigen.
Und - es fehlt der Zeitdruck! Man kann quasi eine Wunschliste erstellen. Und man hat die Möglichkeit, die Angebote der digitalen Zeit so sinnvoll wie möglich in Anspruch zu nehmen. In der Einschränkung entdeckt man, wie wertvoll Vieles ist. Zum Beispiel hat man vielleicht nie darüber nachgedacht, wie es ist, wenn man sich in kurzen Abständen mit Menschen aus der Familie oder Umgebung trifft. Das alles war selbstverständlich. Die kurzen Telefonate hatten keine besondere Aufgabe. Jetzt muss man sich Mühe geben. Mühe, um einander zu verstehen und da zu sein. Jetzt muss man viel genauer zuhören, versuchen zu begreifen, wie es dem Anderen geht. Auch die Mühe des Anderen zu spüren ist sehr besonders. Das Menschliche steht das erste Mal so stark im Mittelpunkt wie noch nie.

Dank der Krise entwickele ich auch neue Übertragungsstrukturen. Es fällt mir nach wie vor nicht einfach, keine unmittelbare Kontaktperson vor mir zu haben, wenn ich etwas aufnehmen und präsentieren soll. Nicht umsonst bin ich auch zum Theatertier geworden. Nun habe ich sofort das Gefühl, dass ich es viel mehr für mich mache. Aber vielleicht ist das nur ein neuer Weg um den Anderen zu erreichen. Wer sich sich selbst beglückt, nimmt auch andere mit.

Jeder Künstler durchläuft diese Art von Krisen und das Gefühl von Isolation mehrmals im Leben. Jetzt gibt es einen Bonus darauf: Nun ist es keine individuelle sondern eine kollektive Angelegenheit. Wir müssen etwas daraus machen! Und zwar etwas, was unsere Wesen vielmehr erreicht, erfüllt und beseelt. Nur mit dieser Einstellung sehe ich eine Danach-Zeit, mit vielen guten Seiten und wenigen Schäden. So könnte jeder von uns ein besserer Mensch werden, in dem die Grundwerte der Nächstenliebe, Wertschätzung und Solidarität sogar in einer erweiterten Form und Entwicklung wieder neu definiert und ausgelebt werden können.

Zur Ablenkung und Befreiung von schweren Gedanken verbringe ich viel mehr Zeit in der Küche und entdecke einige neue Seiten an mir. Auch die alte Heimattradition des Türkischen Kaffeesatz-Lesen gehört zum Tagesplan - als eine Art Therapiestunde mit meiner Mitbewohnerin und Kollegin Begüm Tüzemen. Während wir uns gegenseitig die „Zukunft“ aus den Tassen lesen, finden wir uns oft dabei, ganz schnell neue Projekte und Ideen unter anderem auch für unser gemeinsames Ensemble Olivinn zu konzipieren. Zum Abend hin lausche ich als Abwechslung dem Rauschen vom Bosporus über Papas Smartphone zu. Er lebt in Istanbul, und so oft hatten wir bis jetzt nicht die Gelegenheit uns zu sprechen. Natürlich spreche ich auch mit dem Rest der Familie viel öfter als sonst. Das alles tut gut und bestärkt mich und uns alle.

Ich freue mich jetzt schon auf die Zeit des Zusammenkommens, auch auf die Zeit der Neugeburt des Theaters und bis dahin wünsche ich uns allen viel Kraft, Geduld, Ausdauer, Freude, Glückseligkeit, Kreativität, Produktivität, viel Musik, viel Tanz, viel Bewegung und vor allem Gesundheit; sowohl körperlich als auch geistig.

Vergessen wir nicht: Die Musik geht weiter, nach der Fermate, nach der „Corona“. Es wird sich fügen!

>> Briefe von Zuhause #11


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